.... eine heitere Anekdote aus alter Zeit
Keine Weltgeschichte, keine Historie berichtete bisher von diesem Krieg, von dem unserer lieben Lesergemeinde zum aller ersten Male Kunde gegeben werden soll. Ich hoffe, dass dies ein erfreuliches amüsantes Lesen sein wird, nicht wie sonst bei Kriegsgeschichten. Hier gibt es keine Opfer, kein Blut, keine Tränen – es ist ein Krieg, in dem keine Schlachten geschlagen wurden – es keine Lorbeerreiser gab, nur Suppengrün, keine Kugeln, höchstens Fleischkugeln.
Es war in den ersten Jahren des 20. Jhdts. als es zu diesem Krieg kam, von dem erzählt werden soll.
Der Scholetkrieg spielte sich in Baden bei Wien ab und zwar damals, als dieses Baden den Rang eines stärkstens besuchten Weltkurortes inne hatte, dem während der Sommermonate Kurgäste aus allen Teilen der Erde zuströmten – vor allem Juden. Baden war zum großen internationalen Treffpunkt von Juden aus aller Welt geworden, die sich dort besonders wohl fühlten und daher dieses sympathische Städtchen an der Schwechat, das mit so vielen Naturschönheiten gesegnet ist, immer wieder aufsuchten. Ja, dieses Baden hatte für Juden eine ganz besondere Anziehungskraft, viele Attraktionen und darunter die, dass man in Baden ausgezeichnet koscher speisen konnte.
Da war das alt angestammte Restaurant Rausnitz in der Annagasse zu Baden – ein weitgestrecktes Biedermeierhaus mit schönem Garten – auch als Hotel gern gewählt, das – ausgezeichnet vom lieben Herrn Rausnitz geführt – wahrhaft kulinarische Genüsse bot, wenn man einmal unter den alten hohen Bäumen des gemütlichen Gastgartens Platz genommen hatte. Rausnitz in Baden war ein Begriff und gehörte zu den sommerlichen Lieblingen der jüdischen Kurgäste.
Aber er war diesbezüglich nicht der einzige Gastronom in Baden, denn seinem Lokal schräg gegenüber befand sich das Restaurant Schey, das besonders gern von den Orthodoxen aufgesucht wurde, da Schey wirklich ganz hervorragende Spezialitäten koscherer Kochkunst darbot. Dass sich im Laufe der Zeit ein gewisser Konkurrenzneid bei den beiden Restaurateuren herausbildete, ist wohl begreiflich und so grüßten sich die zwei Gastwirte kaum wenn sie einander – zum Beispiel im Tempel in der Grabengasse – begegneten.
Aber dann verschärfte sich noch eines Tages diese Situation, als nämlich bekannt wurde dass die ansässigen Restaurateure in Baden einen gewaltigen Konkurrenten bekommen würden. Dies Besucheranzahl und Weltruf dieses berühmten Kurortes Baden stieg nämlich immer höher, mehr und mehr Juden strömten sommersüber nach Baden und damit wuchs auch die Nachfrage nach koscherer Kost. Und so lasen eines Tages die zwei Restaurateure Rausnitz und Schey die Schreckensnachricht, dass sich das bekannteste jüdische Restaurant Wiens, Tonello an der Marienbrücke, entschlossen habe, in Baden eine Filiale zu eröffnen. Dass hieß nun, eine neue, schwerste Konkurrenz zu bekommen, denn Tonello war eine Weltmarke für koschere Küche und daher auch den weitest angereisten jüdischen Sommergästen ein Begriff. Tonello fand in der Antonsgasse – wenige Schritte von den Restaurants Rausnitz und Schey entfernt – ein schönes Haus mit Garten, in dem flugs seine Badener Filiale installiert wurde. Und damit bestanden nun drei jüdische Restaurants in Baden in unmittelbarer Nähe voneinander. Ist es da ein Wunder, dass der Konkurrenzkampf aufs wildeste entbrannte?
Sicher in Baden gab es damals genügend jüdische Kurgäste, um auch drei Speisehäuser nichts arbeitslos machen zu können, aber der Ehrgeiz der Gastronomen tat ein übriges, dass es auch wirklich zum Krieg – zum so genannten Scholetkrieg- zwischen den drei Kombattanten kam. Nun grüßten sich Schey und Rausnitz überhaupt nicht mehr, wo doch jetzt außerdem ein dritter Konkurrent, der Herr Tonello, aufgetaucht war, der sein neues Sommerimperium mit fester Hand beherrschte. Wilde Gerüchte gegenseitiger Verunglimpfungen, Tratschereien, von Herabsetzungen durchschwirrten die milde Badener Sommerluft- Witze wurden kolportiert, die sich jeweils gegen einen der einander verfeindeten Restaurantbetriebe richteten. Der Scholetkrieg war im vollen Gang. Da erzählte man den neuesten Scherz von Eisenbach – wie ein Gast im Restaurant Tonello den inspizierenden Restaurateur "stellt" und ihm vorwirft: "Herr Tonello, Ihr Sauerkraut ist zu wenig sauer", und der Gastwirt erschrocken ausruft "Aber um G"tteswillen – Herr Samek – das ist ja kein Sauerkraut, das sind Mohnnudeln!" Worauf Samek antwortete: "Mohnnudeln? Für Mohnnudeln sind sie sauer genug!".
Dafür erzählte man wieder vom alten Rausnitz, wie er einen Gast rügt, der mit den Fingern in die Schüsseln greift, herumspuckt, laut schmatzt und rülpst. Rausnitz zu ihm "Lieber Herr – das ist ja ein wahrer Skandal wie sie essen. Schauen Sie – bei mir sitzt da ringsum so gutes Publikum – so viele Fremde und Sie zeigen derartige Tischmanieren! Versuchen Sie so bei Tonello zu essen und man wird sie hinauswerfen!" Aber der gerügte Gast lässt sich nicht einschüchtern und sagt: "Sie werden lachen Herr Rausnitz – ich hab´ so bei Tonello gegessen und man hat mich nicht hinausgeworfen, sondern nur gesagt: "So können Sie bei Raunitz essen!" Und von einem anderen Gast, der bereits um halb zwölf Mittags speisen wollte und dem man sagte, die Küche sei noch nicht in Betrieb, hieß es, dass er murrte: "Noch kein Betrieb bei Euch? Heißt eine Wirtschaft! Bei Schey krepetzen sie schon!"
Bei solcher Auswahl von koscheren Restaurants gab es natürlich eine stets fluktuierende Menge von Gästen, die bald hier, bald dort essen gingen und natürlich allerlei Tartarennachrichten über die in den drei konkurrierenden Restaurants herrschenden Speiseverhältnisse und die Qualität der aufgetischten Speisen in die Welt setzten, wodurch natürlich der herrschende Konkurrenzkampf – der Scholetkrieg – immer mehr angeheizt wurde. Heute lobte beispielsweise Dr. Bloch´s jüdisches Wochenblatt Rausnitz in Baden, morgen ließ die ebenfalls jüdisch eingestellte "Sonn- und Montagszeitung" sich bei den fleischlichen Genüssen bei Schey in Baden berichten und schließlich gelang es dam alten Tonello bei einem Redakteur der "Presse" einen Bericht durchzubringen, laut dessen sich der berühmte Wunderrabbi von Sadagora, der mit seinem Hofstaat in Baden Urlaub machte, ausdrücklich gewünscht habe, auch in Baden bei Tonello speisen zu können, worauf sich auf diesen Wunsch hin das berühmteste aller Wiener koscheren Restaurants entschlossen habe, eine Filiale in Baden zu eröffnen. Mehr brauchte es nicht !
Dieser Kampf in Baden tobte also mit ungeheurer Wucht, aber es sollte noch ärger kommen – die Climax des Scholetkrieges stand bevor - und das kam so:
Zu dieser Zeit standen die Bestrebungen Dr. Theodor Herzls der Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina in internationaler Diskussion im Mittelpunkt alles Interesses. Die wertvollsten jüdischen Persönlichkeiten der Zeit fanden sich zusammen, um gemeinsam der Zionsidee Herzls zum Durchbruch und Sieg zu verhelfen. Wichtige jüdische Kongresse in Basel standen bevor. Beratungen, die die ganz vielschichtigen Komplexe der jüdischen Frage zur Erörterung bringen sollten. Diese Kongresse bedurften großer, gründlicher Vorbereitungen, Vorbesprechungen. Dr. Herzl, der sein ganzes Privatleben, seine ganze bisherige journalistische Beschäftigung bei der "Presse" seinem Idealismus, seiner Zionsidee geopfert hatte, war in größtem Zeitdruck. Er hatte als guter Sohn seinen Eltern, die in Baden Kur machten, versprochen, wenigstens im Sommer einige Tage mit ihnen zu verbringen, aber nun drängten die wichtigen Vorbesprechungen zum Zionistischen Kongress. Da gelang es Dr. Herzl die Kongressteilnehmer umzustimmen, diese Vorbesprechungen in Baden abzuhalten, wodurch er doch ein wenig mit den Eltern beisammen sein konnte.
Nun – die Herren gingen gern auf den Vorschlage ihres geistigen Leiters ein – kam man doch gern zu dieser Zeit nach dem schönen Weltkurort Baden – und so kam schließlich diese jüdische Prominenz mit zahlreichen Familienangehörigen nach Baden. Nun hatte das Sekretariat Dr. Herzls die Aufgabe, alle diese Telnehmer gut unterzubringen und für entsprechende koschere Verköstigung zu sorgen. Als solches bekannt wurde, flammte der Scholetkrieg wieder auf. Jeder der drei Kriegsteilnehmer wollte den Ruhm, die Herren der zionistischen Vorbesprechungen zu verköstigen, für sich in Anspruch nehmen. Was diesen Scholetkrieg außerdem so anfachte war eine Zeitungsmeldung, der zufolge sich nun auch das bekannte jüdische Restaurant Sonnenschein in Bad Ischl entschlossen habe, in diesem Sommer der zionistischen Begegnungen in Baden dort eine Niederlassung zu eröffnen.
Die Badener Restaurants tobten vor Wut. Sonnenschein in Ischl war weltberühmt – also noch eine neue Konkurrenz! Der berühmte jüdische Humorist Redakteur Julius hatte einmal das Bonmot geprägt: "Ischl ist ein sonderbarer Ort. Bei Regen verkühlt man sich und bei "Sonnenschein" verdirbt man sich den Magen". Nun, diese Konkurrenzangst war grundlos. Die Behörde schützte die ortsansässigen Betriebe und erteilte keine neue Konzession. Trotzdem konnte sich das Sekretariat von Dr. Herzl kaum retten vom Ansturm der drei rivalisierenden Restaurateurs, von denen jeder alleine die anreisenden zionistischen Gäste ausspeisen wollte. Schließlich musste der arme, viel geplagte Dr. Herzl selbst auf die rettende Idee kommen. Nachdem festgestellt wurde, dass eine überdurchschnittlich große Anzahl von Persönlichkeiten bei den Vorbesprechungen zum Zionistischen Kongress in Baden erscheinen wollten, kam es nach hitzigen Debatten zu dem Plan, der schließlich zu einer Lösung führte. Wie konnte es auch anders sein? Juden aus aller Welt sollten da auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, aber drei Restaurateure in Baden wollten sich streiten und einen Scholetkrieg führen? Nein, das war ganz unmöglich, noch dazu im Schatten eines zionistischen Kongresses. Durch die Anregung Dr. Herzls wurde schließlich diese Frage der Verköstigung in Baden friedlich beigelegt. Das Restaurant im Badener Kursalon war in der Hochsommerzeit weniger frequentiert, konnte daher freigemacht und für die Zwecke der Verpflegung der eintreffenden Gäste zur Verfügung gestellt werden. Die Küchenchefs der drei jüdischen Badener Restaurants Rausnitz, Schey und Tonello sollten in der riesigen Küche des Kurhauses vereint und gemeinsam ihre Kochkünste beweisen dürfen. So waren alle an dieser Verköstigung beteiligt. Dieser Kompromiss, nach längerem Hin und Her von allen drei Seiten akzeptiert, brachte den Frieden. Den Frieden im Scholetkrieg, wo es keine Sieger und keine Besiegten gab !
Und damit speisten dann wieder Freund und Feind des vergangenen Krieges friedlich unter den Kastanienbäumen des Badener Kurparks. Die Farferlsuppe dampfte, der Rindskamm mit Ritschert delikat wie immer, der Pfefferkarpfen gustiös, Kreplachs und Fächertorte herrlich und dickmachend, wie eh und je..... . Kein "non Scholet" im Gegensatz zum altrömischen "non olet". Nein, den Scholet Signum des eben beendeten Krieges ließ man sich wiederum schmecken – bescholem, in Frieden.
by Peter Herz s.A., Illustrierte Neue Welt, Dezember 1986, Seite 20.